Begegnung und Rückzug. Zwei Pole der Partnerschaft

Vielfach in meinen Gesprächen mit Paaren geht es um diese Dynamik, um Begegnung und Rückzug. Sie sind das Yin und Yang in der Paarbeziehung.

In der Begegnung und Nähe findet die Liebe ihren Ausdruck.

Der Rückzug aus einer großen Nähe ermöglicht es, Zeit mit anderen Ideen, beruflichen Herausforderungen oder bereichernden Menschen zu verbringen. Und so neue Impulse, Lebendigkeit und neue Perspektiven mit in die Beziehung zu bringen.

Allerdings kommen die Paare oft erst dann zu einer Paarberatung, wenn Beziehung eingefahren ist  und sich bestimmte Verhaltensweisen verfestigt haben. Dann sehen sie oft nicht mehr das Dynamische in dieser Bewegung von Nähe und Rückzug. Im Gegenteil: Beides, Begegnung oder Rückzug, wird als etwas Endgültiges wahrgenommen. Entweder man begegnet sich  – oder man zieht sich zurück.

Begegnung und Rückzug. Die Dynamik der Beziehung.

Egal, in welcher Richtung man jedoch den Regler schiebt, ob Begegnung oder Rückzug: Jede Richtung ist als Absolutes nicht förderlich für eine lebendige Beziehung. Lebendigkeit entsteht stattdessen dann, wenn jedes seine Zeit hat. Wenn es einen fließenden Wechsel gibt von Begegnung und großer Nähe auf der einen Seite und Rückzug und Raum auf der anderen Seite.

 „Es gibt nicht gut noch böse. Erst das Denken macht es dazu.“

(Shakespeare)

Weder Nähe noch Distanz, weder Begegnung und Rückzug sind grundsätzlich richtig oder verkehrt. Es kommt auf das „Denken“ an, was die Bedeutung festlegt. Die Sicht, die man darauf hat. Denn wenn etwas „immer so ist“ wird das oft als zerstörerisch für eine Beziehung wahrgenommen:

Bei zu viel Nähe haben die Partner (oder manchmal nur einer von beiden) das Gefühl zu ersticken, aufgefressen zu werden. Doch das möchte niemand, „aufgefressen werden“. Und so tut er oder sie etwas sehr Logisches: Man zieht sich zurück. Für den anderen heißt das aber, dass sein Bedürfnis nach sehr viel Nähe so gar nicht erfüllt wurde. Die Konsequenz: Er rückt noch näher heran.

Es entsteht geradezu ein Zwang zur Nähe.

Nichts davon ist grundsätzlich verkehrt oder gar böse. Die jeweilige Interpretation und auch die Häufigkeit sind hier die Faktoren, die dem Ganzen die negative Bedeutung geben.

Freiräume und Lebendigkeit in der Beziehung.

In einer anderen Version nimmt sich der Partner viel Freiraum, möchte viel für sich sein, sein „eigenes Ding“ machen. Und der / die andere hat dann das Gefühl aus dem Leben des Partners ausgesperrt zu sein. Nicht teilhaben zu dürfen. Außen vor zu stehen.

Auch das möchte niemand wirklich gerne, in der eigenen Beziehung Zaungast zu sein. Also versucht er oder sie, ob es nicht doch ein Schlupfloch gibt, durch das man enger in das Leben des anderen hineingelangen kann – oft mit dem Ergebnis, dass sich der/die andere noch weiter abkapselt.

Beides, Begegnung und Rückzug, Nähe und Freiraum, sind nicht grundsätzlich richtig oder falsch, gut oder schlecht. Denn die Dinge selbst sind nicht das Problem, sondern die Fixierung darauf.

Dazu ein Beispiel:

Nach einer Phase des Verliebtseins kommt der Alltag langsam ins Spiel, und aus der anfänglichen Freiwilligkeit des Miteinander-Sein-Wollens entsteht eine Art Verpflichtung. Selbstverständlich geht man nur noch gemeinsam zu Einladungen. Gemeinsam ins Kino, ins Konzert, fährt zusammen in Urlaub. So, wie der Kollege ein ständiger Teil des Arbeitsplatzes ist, ist der Partner – oft ohne es zu merken – ein ständiger Teil des Alltags geworden.

Der Partner die Partner wird zu einem Akteur unter vielen, die etwas fordern, vor allem Aufmerksamkeit und Zeit.

In der Gestalttherapie heißt es, Begegnung (bzw. Kontakt) findet „an der Grenze“ statt.

Wie alle formelhaften Merksätze ist das erklärungsbedürftig.

„Grenze“ heißt hier das Zauberwort: Ich begegne meinem Gegenüber erst, wenn ich ihn / sie nicht zu einem Abbild meiner Wünsche Träume und Anforderungen mache, sondern sie /ihn als etwas von mir Getrenntes, Anderes, Eigenes wahrnehme – dem ich aber Respekt und Liebe entgegenbringe.

„Qualified Time“ – Bewusste Zeit für die Partnerschaft.

Gerade in einer Zeit, die so viele unterschiedliche Rollen von uns verlangt, und in der sogar die Freizeit noch voll ist von Möglichkeiten, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen – wie das „Pling“, wenn eine neue Nachricht von wem auch immer wieder auf dem Smartphone angekommen ist – gerade in dieser Zeit geht es nicht um Zeit an sich, um irgendeine Zeit, sondern um „qualifizierte Zeit“.

Es geht nicht um die Menge, ob Tage oder Stunden – es geht um die Inhalte, mit der Sie die gemeinsame Zeit füllen.

Finden Sie Ideen, neue Regeln und/oder kleine Rituale, die eine Zeit besonderer Nähe für sie ausmachen:

Das kann ein besonderer Abend sein, den sich beide von anderen „Verpflichtungen“, wie Arbeit, Eltern, Freunde etc. freinehmen. Oder wenn Sie Kinder haben, ein Abend  an dem die Kinder betreut werden und Sie so Zeit für sich haben. Oft ist es nicht nur die Zeit, um die es geht, sondern auch darum, die Romantik des Anfangs wiederzubeleben. Sich vielleicht besonders zu kleiden. Ein besonderes Essen. Eine lang nicht mehr gehörte Musik. Auf jeden Fall geht es darum, Dinge zu tun oder auf eine Art zu tun, die im Alltag lange keinen Platz mehr hatten.

Oder:

Sie verabreden, dass jeweils der eine Partner den nächsten Termin für etwas Gemeinsames bestimmt und organisiert. Ganz nach seinen/ihren Wünschen, ohne die Beeinflussung des anderen. Das kann ein Spaziergang im Herbstlaub sein, oder ein Tagesausflug zu einer besonderen Ausstellung – jeder organsiert das, was er möchte. Auf diese Art können Sie sicher sein, dass die Bedürfnisse und Wünsche beider gelebt werden können.

Ist das gegeben, wird die gemeinsame Zeit als „qualifizierte Zeit“ wahrgenommen. Und dann kann auch die nicht-gemeinsame Zeit, der Freiraum, eine Zeit ohne den anderen, wieder als ein lust- und freudvoller Teil des (eigenen) Lebens angesehen werden.

Und noch etwas: Oft sorgen besonders die Teile des Lebens, die die Partner unabhängig voneinander verbringen, wieder für einen neuen, herausfordernden, aber gerade deshalb auch für einen bereichernden Input in die Partnerschaft!

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